Vom Verschwinden der Wahrheit

16. September 2015
Perlen aus Freital. Asylkritiker, besorgte Bürger, [insert random city] sagt nein zu Flüchtlingen. Kommentare unter Online-Artikeln. Linke Gutmenschen und Nazikeule. Lügenpresse! Idioten allerorten. Panisch reaktives Mediengebaren. Journalistische Leere und politische Stille. Ideenlosigkeit, Weigerung zur Vertiefung, Symptomtherapie die alle Kräfte bindet, so dass keine für die Ursachen mehr bleiben.

Es ist dieser Tage einfach seinen Glauben in das Rest-Gute einer gefühlten Mehrheit der Menschen in diesem Land zu verlieren. Mauer wieder aufbauen und die braunen Menschenfeinde, die sich dagegen verwähren Nazis zu sein, während sie Häuser in Brand stecken im eigenen Saft schmoren lassen. Dieser Wunsch ist auch so eine hilflose Reaktion, wenn die Energie wieder nicht mehr ausreicht um sich auf die Suche nach den Ursachen für all den Hass zu machen und nach den Menchanismen zu forschen, die aus Menschen im Angesicht einer überfordernd komplexen und für große Gruppen sich eher negativ entwickelnden Welt, Arschlöcher werden lässt.

Ich möchte es mir manchmal einfach machen und mich in die wohlige Resignation vermeintlicher intellektueller Überlegenheit zurückziehen und all den Schreibtisch-Faschisten, Häuser-Anzündern und Foren-Vollschreibern schlichterdings mit Verachtung und Geringschätzung begegnen. Die Idioten halt Idioten sein lassen. Doch aus zwei Grüden kann ich es nicht. Erstens scheinen es zu viele zu sein, als dass ich es den Resten der modernen Zivilgesellschaft zutrauen würde, das Problem einfach auszusitzen ohne ernsten Schaden zu nehmen. Bereits die simple Tatsache, dass die Zivilgesellschaft den Menschenhassern bisher nicht den Saft abgedreht, sie durch Ignoranz oder Widerstand in ihre Nische zurückgedrängt hat, quasi bei fortdauernder intellektueller Insolvenzverschleppung hilft, zeigt, dass meine Bedenken nicht ganz grundlos sein können.

Und zweitens erscheinen mir die Idioten in einem solchen Maße der Realität entrückt und von einer Weltsicht überzeugt, die von meiner geradezu diametral unterscheidet, dass mir so ist, als könnte der einzige Weg einen Zugang zu finden sein, eben jener Weltsicht nachzusteigen und aufzuzeigen woher sie kommt. Ich nehme noch mal alle Energie zusammen und versuche den schmerzhaften Gegensatz zu kanalisieren, der sich in meinen Kopf bohrt, wenn ich mich im einen Moment mit den Diskursen zum Nationalsozialimus in der Bundesrepublik befasse und auf der anderen Seite den geistigen Eiter besorgter Bürger durch die digitalen Empatie-Vernichtungsmaschinen, jene Resonanzräume der Alltagsschlechtigkeit des Menschen die sie soziale Medien nennen, tropfen sehe.

Die Theorie, die hier ausgebreitet werden soll, lautet wie folgt:

In einer Welt in der das Vertrauen in alle Institutionen verloren gegangen ist und in der durch soziale Medien jeder seinen eigenen Ausschnitt der teilverzerrten Realität zu sehen bekommt, existiert keine einheitliche, konsensuale Wahrheit mehr.

Und zwar nicht in dem Sinne, dass sie nicht mehr zu finden (aber vorhanden) ist, also Meldungen nicht mehr zu verifizieren wären. Letzteres ist tatsächlich unerheblich, der Begriff der Wahrheit als solcher ist zum Kampfbegriff geworden. Er meint in diesem Sinne immer das, das eigene eigene Weltbild stützende Gerüst aus Annahmen und Schlussfolgerungen.

Im Politischen wird “die Wahrheit” seit jeher vereinnahmt und ist daher eher schwammig. Zur Verdeutlichung dessen, was ich beschreiben möchte, bietet sich daher ein anderer Begriff an. Das “Major Consensus Narrative” (nach Bruce Sterling). Der Begriff beschreibt jene im kommunikativen Prozess als Annäherung an die Wirklichkeit (an das was wirklich passierte) entstandene Geschichte, auf die sich die Mehrheit einigen kann, mithin die sie für die Wahrheit hält.

Nach Rousseau hat jede Sache vier Seiten, nämlich deine Seite, ihre Seite, die Wahrheit und das was wirklich passiert ist. (Kurzweilig als Vortrag HIER) Da letzteres von uns immer nur durch den Filter unserer Sinne aufgenommen und wiederum durch die limitierten Mittel unserer Kommunikation an ebenfalls filternde andere Menschen vermittel werden kann, ist “das was wirklich passiert ist” folgleich nie 100%ig zu beschreiben, die Beschreibung immer subjektiv. Dies im Hinterkopf ist das Major Consenus Narrative jene überlieferte Beschreibung dessen was passiert ist, die sich bei der Mehrheit festgesetzt hat. Dass die Amerikaner auf dem Mond gelandet sind, ist so ein Narrativ. Es wird gemeinhin als die Wahrheit angenommen, auch wenn versprengte Verschwörungstheoretiker Zweifel anmelden. Diese gemeinsamen Narrative sind in der Moderne, in der alles permanent im Fluss war und in der niemand alles Wissen kann, für das funktionieren von Gesellschaften imminent wichtig gewesen. Gemeinsame Narrative machten es erst möglich, dass Menschen, die nicht alle ein ähnliches Leben führen und sich auch nicht mehr alle auf die selbe Religion als einendes Element berufen, Gemeinschaften bilden.
Wenn nun, nach Hiram Johnson „Das erste Opfer eines jeden Krieges ist die Wahrheit” ist, dann ist das Opfer des allgegenwärtigen Vertrauensverlustes das “Major Consensus Narrative”. Und damit die Idee, dass es im Dickicht sich widersprechender Infomationsfetzen, die permanent um einen herumwirbeln zumindest eine Interpretation gibt, auf die man sich einigen und sie somit zur Grundlage politischer und gesellschaftlicher und persönlicher Entscheidungsfindung machen könnte.

Der Prozess des Vertrauensverlustes in die Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft, also etwa die Politik, die Polizei, die Gerichtsbarkeit und letztlich die Medien erfährt in Parole von der Lügenpresse aktuell eine neue Eskalationsstufe. Studien stellen das Erodieren des Vertrauens seit Jahren immer wieder und als fortschreitenden Prozess fest. Zugespitzt: Wenn keiner Institution vertraut werden kann, die Wahrheit zu verbreiten, verschwindet auch das Narrativ, auf das sich die Mehrheit einigen kann. An die Stelle dieses gesellschaftsübergreifenden Narrativs treten zahlreiche, sich zum Teil widersprechende Narrative einzelner Gruppen.
Die können etwa lauten:
“Die Politk ist links-grün versifft”
“Die Politk ist konservativ und dient nur den Reichen”
“Linke Kriminalität wird nie bestraft”
“Die Justiz ist auf dem rechten Auge blind”
“Ausländer kriegen hier alles in den Arsch geschoben”
“Flüchtlinge werden menschenunwürdig behandelt”
“Ausländer sind kriminell”
“Rechte sind kriminell”
“Chemtrails bedrohnen die Menschheit”
“Die Erde ist hohl und die Sonne kalt”
Für jedes dieser Narrative lassen sich zahlreiche Belege finden, ebenso wie Relativierungen, Einordnungen, Wiederlegungen und Millionen von Meinungen. Jeder, der diese Narrative eben gelesen hat, wird bei manchen zustimmend genickt, andere als kompletten Blödsinn abgelehnt haben. Es ist nur menschlich Dinge lieber zu lesen, die dem eigenen Weltbild entsprechen und umgekehrt. Der Kritiker-Verriss des eigenen Lieblingsfilms wird wohl erst einmal auf Ablehnung stoßen. “Die haben doch alle keine Ahnung!”
Problematisch wird dieser Effekt des intuitiven Vertrauens in die eigene Überzeugung stützende Aussagen in Verbindung mit den Filterblasen des modernen Medienkonsums.
Dabei ist der Einwand, dass sich mit sorgfältiger Recherche, mit Hilfe der Wissenschaft, Studien oder gesundem Menschenverstand die zutreffenden, von den nicht zutreffenden Narrativen trennen ließen obsolet, da jede der genannten Schieds-Instanzen selbst in Zweifel gezogen werden kann. Denn mit der selben Verve in der ich in einer Diskussion passende Statistiken zu linker und rechter Kriminalität zur Hand hätte und verlinkte, würde mit der Nicht-Vertrauenswürdigkeit eben dieser Studien dagegenhalten. “Die sind auch nur bezahlt!” Dass dies umso mehr für Medienerzeugnisse (“Lügenpresse”, “Mietmäuler”) gilt sollte klar sein. Jeder Informationsfetzen kann aus seinem Zusammenhang gerissen und instrumentalisiert werden, weil jeder Hinweis auf den ursprünglichen Zusammenhang selbst in Frage gestellt werden kann.
Wie ich in einem frühren Blogpost erklärt habe, ist insbesondere der Vertrauensverlut in die Medien kein exklusiv rechtes Phänomen sondern vielmehr Ergebnis einer zu eng justierten und nicht refektierten Filterblubble. Das Nicht-Refektieren ist dabei das Hauptproblem, das zum hier thematisierten Verschwinden der Wahrheit beiträgt. Ohne ein Bewusstsein für das Gefangensein in der eigenen Filterblase und ohne Akzeptanz einer Institution, der die Hoheit über die Wahrheit zugesprochen wird, erscheint der eigene Informations-Mikrokosmus als tatsächliche Wahrheit, die als allgemeingültig angenommen wird. Da der überwiegende Teil der Menschen die Wirklichkeit durch einen anderen Filter wahrnimmt und entsprechend (re-)agiert, führt die sich Diskrepanz in den kommunizierten Einstellungen vor dem Hintergrund der Überzeugung selbst die Wahrheit zu kennen zu dem Eindruck, alle anderen irrten. Und da die anderen nicht als Blasenbewohner, sondern als homogene Masse angenommen werden (die Linken, die Rechten, die Gutmenschen, etc.) wird ihre Wahrheit zum “Mainstream” abgewertet.
Wiederum zugespitzt: Wenn meine Timeline permanent Bilder von Ausländerkriminalität zeigen, die mit rechten Parolen kommentiert werden und ich annehme, dass das überall so wäre, dann müssen alle, die meine (rechten) Einstellungen nicht verstehen Idioten oder linke Gutmenschen sein.
Der Major Consensus Narrative ist aus. Ein Relikt aus einer einfacheren Zeit. An seine Stelle ist eine Wolke aus persönlichen und gruppen-exklusiven Narrativen getreten von denen es einige ermöglichen in voller Überzeugung zu postulieren, dass die ganzen krimiellen Asylbetrüger die das Abendland islamisieren am besten direkt per Rakete aufs Flüchtlingsboot versenkt gehören. Traurig, aber wahrscheinlich wahr.
Was können wir als linke Gutmenschen oder einfach nur als Bürger mit Empathie aus dieser Erkenntnis lernen? Wo ist der Lösungsansatz, der über die beklagte Problembeschreibung und Symptombehandlung hinaus geht?
Der ersten Teil der Lösung lautet aus meiner Sicht -wie immer, immer, immer- schlicht und ergreifend Bildung. Eine Bildung die befähigt die Mechanismen der eigenen Medienwahrnehmung zu hinterfragen, die Blase zu verlassen. Denn, um in einem Narrativ zu bleiben, in dem ich mich wohl fühle: Es kann kein Zufall sein, dass bei der absolut überwiegenden Mehrheit der traurigen Hetzer auf Facebook die Angaben zur Schuldbildung sehr überschaubar sind. Und es kann auch kein Zufall sein, dass die Homogenität dieser Gruppe sich im wesentlichen durch folgende Gemeinsamkeiten in der Selbstdarstellung ausdrückt:
Schlechte, überbelichtete Fotos, die glänzend-schwitzige Menschen mit leerem Blick im Urlaub, oder vor Motorrädern zeigen, die Affinität zu schnellen Autos, drittklassigen Fußballvereinen und Hantelbänken und natürlich zu den Böhsen Onkelz. Man darf nicht vergessen: Ganz offensichtlich denken diese Menschen, dass eben jene Symbole der Dummheit eine akzeptable Selbstdarstellung sind!
Der zweite Teil der Lösung wäre es, das zu tun, was den beschriebenen Leuten leider nicht gelingt, nämlich den richtigen Adressaten für Protest zu wählen. Die Politik. Und sie dazu zu bewegen sich für Bildung stark zu machen. Und zwar ernsthaft. Und etwas gegen die sozio-ökonomischen Verhältnisse zu unternehmen, die eine Frustration entstehen lassen, die überhaupt erst zu einer Filterblase führt, wie ich sie beschrieben habe (dazu an anderer Stelle mehr).
Tatsächlich würden wir Flüchtlingen vermutlich die stärkste Hilfe sein, wenn wir die ökonomische und schulische Situation der Menschen verbessern, die mit solzgeschwellter Brust rufen “Wir sind das Pack!” und Nachts gern Turnhallen anzünden.

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